Würde Matthäus Schwarz heute bloggen? Mode und Text in Hetzendorf.

Trachtenbuch des Matthäus Schwarz aus Augsburg, 1520 - 1560, Bild: Ausstellung bookmarks2009.de

Trachtenbuch des Matthäus Schwarz aus Augsburg, 1520 – 1560,
Bild: Ausstellung Bookmarks

Würde Matthäus Schwarz heute bloggen? Die Frage fällt mir ein, wenn ich mich an den ausgezeichneten Vortrag von Gabriele Mentges (Universität Dortmund) erinnere. Im Rahmen der Hetzendorf Gespräche X zum Thema Mode und Text sprach sie letzten Donnerstag über historische Beispiele der Modeberichterstattung seit der Renaissance bis hin zur heutigen Tagespresse.

Schwarz, seines Zeichens  Hauptbuchhalter bei Jakob Fugger, lebte im 16. Jahrhundert und hielt in seinem Kleidungsbüchlein über Jahre hinweg quasi seine gesamte Garderobe fest. Dazu beschäftigte er natürlich damals Buchmaler, die ihn auf seinen Reisen begleiteten und seine Outfits illustrierten. Auch Datum, Ort und Anlaß wurden jeweils verzeichnet. Die Herstellung eines solch kostbaren Buchs war das Privileg wohlhabender und gebildeter Eliten. Massenmedien im heutigen Sinn gab es noch nicht.

Die Produktionsmittel haben sich seither oftmals verändert. Und heute braucht auch niemand mehr eine Druckerpresse oder eine Sendeanlage, um zu publizieren. Der grundlegende, durch die Digitalisierung ermöglichte Medienwandel hin zum User Generated Content stellt sämtliche bisherigen Leitmedien in Frage.

Ausstellung "Textualität", im Rahmen der Hetzendorf Gespräche, 26. & 27. 3. 2009

Exponat der Ausstellung „Textualität“, im Rahmen der
Hetzendorf Gespräche X,
Bild: Tschilp.com

Was ich als auf der Hand liegende Kommunikations-Chance sowohl für kleine Modelabels als auch für den Journalismus sehe, nämlich digitale Vernetzung, Kollaboration, Dialoge auf verschiedensten Ebenen, ist in der Welt der Printmedien keine Selbstverständlichkeit. Das fiel mir anhand der Podiumsdiskussion rund um geschriebene Mode und Modesprache auf.

Da ging es um das Übliche wie werbetaugliche Zielgruppen, Platz im Zeitungslayout, inhaltliche Vorgaben der Verlage, das Für und Wider von reinen Fotostrecken und – angesprochen durch Gastgeberin und Direktorin Gerda Buxbaum – auch um die Thematisierung heimischen Modedesigns in der österreichischen Presse, für die man sich natürlich, aber bitte nicht zuviel, zuständig fühlt.

Dazwischen brilliantes Fachwissen von Ingeborg Harms (FAZ, Vogue, Architectural Digest und Vanity Fair, Berlin), aber auch viel flaches Fashionlabel-Namedropping. Blogs werden immerhin ähnlich wie Presseaussendungen für die Recherche genutzt, meinte Stephan Hilpold (Der Standard/Rondo, Wien).

Andere Perspektive, der Blick ins Publikum, Hetzendorf Gespräche (26. & 27.3. 2009)

Blick ins Publikum, Hetzendorf Gespräche X,
Bild: Tschilp.com

Da saß ich nun als Bloggerin mit gestandenen Journalistenegos wie Ingeborg Harms, Margit Kratky (Wienerin, Diva, Miss, Compliment, Wien), Stephan Hilpold, Nicole Adler (Kurier, Wien) am eckigen Tisch und versuchte die Aufmerksamkeit ein wenig auf zeitgemäße Kommunikationsformen wie eben Blogs – speziell die zahlreichen Spielarten von Fashionblogs -, aber auch Microblogging, Social Networks, Creative Commons, das Prinzip des Teilens (Sharing) und deren Verknüpfungen zu lenken.

Ich glaube, ein paar Denkanstöße sind mir auch gelungen.  Gerda Buxbaum bezeichnete meinen Beitrag jedenfalls als Bereicherung, und darauf bin ich stolz.

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7 Responses to Würde Matthäus Schwarz heute bloggen? Mode und Text in Hetzendorf.

  1. Fr.Jona&son sagt:

    so was, die printmedien nehmen blogs zur recherche her.
    na immerhin…..wenigstens sind wir flexibler und können subjektiver schreiben…..super, daß du dich wacker geschlagen hast…..und ein lob von einer ehemaligen professorin von mir, der frau dr. buxbaum, ist auch nicht schlecht….super wäre mal eine porträtserie über uns modebloggerinnen im rondo zum beispiel…was meinst du? damit die contentlieferantinnen auch ein gesicht bekommen…..
    grüße aus oö!

  2. Daniel_K sagt:

    tja, zweierlei: @ frau jona&son: als ich vor ca einem jahr mal ein kollektivportrait der bloggerszene bei eben dem medium anbot, winkte die rondo-ressortleitung desinteressiert ab (aber vielleicht sieht sie die situation ja jetzt anders) und darum @ tschilp: ich finde es ganz wichtig und fantastisch, dass du am podium warst. LEIDER hat sich ja die gesprächsrunde ja nach den ersten zehn minuten in der sattest abgedroschenen lokalitätsdebatte verloren, anstatt beim thema MODE UND TEXT zu bleiben. und dazu hätte man ja gerade in anbetracht des potenzials von blogs und internetmagazinen (mögliche stichworte: hypertext, vernetzung, blogosphäre) einiges sagen können. und dann waren doch wieder anzeigenkunden vs glocal designers das thema. hm.

  3. ääälex sagt:

    ich möchte mich kurzum bedankeb;
    1. für diesen interssanten beitrag und
    2. für die wirklich toll gelungenen denkanstöße bei der podiumsdiskussion.

    ich, als junge modedesignstudentin war einfach nur sprachlos nach einigen kommentaren der „großen“ journalisten österreichs …
    mein denkanstoß hier:
    wenn die journalisten sich selbst nicht dafür interessieren was NEU und sicherlich auch GUT in der heimischen Designerszene ist, wie bitte soll jemand international darauf aufmerksam gemacht werden.
    österreichische designer wollen glaub ich alle nicht aus „mitleid“ in einem magazin wie woman gefeatured werden – aber macht einfach die augen auf und dann seht ihr, dass niemand nur wegen seiner herkunft gefördert werden muss, sondern wegen seines könnens!

  4. Michaela sagt:

    vielen dank fürs positive feedback!

    @ fr jona&son: denke nicht, dass blogs die einzigen contentlieferanten sind, aber spannend finde ich an hilpolds aussage, dass offenbar blogs in der glaubwürdigkeit auch ausserhalb der blogosphere ziemlich gut dastehen.

    @Daniel_K: yes, die lokalitätsdebatte war mir auch zu mühsam, hab das gefühl die wurde aufgrund der anwesenheit von departure angezettelt, was ja auch wieder verständlich ist. nur weiß man eh, dass nix neues rauskommt…

    @ääälex: du sagst es, deswegen: selber eine (andere) öffentlichkeit schaffen!

  5. Mia sagt:

    @ Frau Jonason
    Michaela war bereits im Rondo 😉

    Ich konnte leider nicht zu der sicher sehr spannenden Diskussion kommen, weil mir die Sache mit Hetzendorf anders kommuniziert worden ist… Lassen wir das.
    Vielleicht war meine Abwesenheit sogar besser, weil ich eventuell in die Versuchung gekommen wäre jemanden zu köpfen. 😉

    Zum Thema Printmedien und verlagsmäßige Inhaltsvorgaben zur Zielgruppenoptimierung hatte ich vor wenigen Tagen ein Gespräch mit einer PR-Dame, der ich erklären wollte, dass ich meinen Blog nicht füllen MUSS, sondern WILL! Was wohl im Verkauf ihrer PR-Mitteilungen einen erheblichen Unterschied in der Inhaltsaufbereitung darstellen wird.

    Sicher mutiert die Leserzahl bei kommerziell betriebenen Blogs auch schnell zum Äquivalent der Auflagenzahl, aber wer seinen Blog mit diesen Hintergedanken füttert, wird früher oder später das Zeitliche segnen.
    Ähnlich geht es ja jetzt einigen Printmedien, die mit demselben Motto ihr Blatt gefüllt haben und sich im Zeitalter der (erst einsetzenden) Informationsdemokratisierung wundern warum keiner mehr ihren Schrott liest.

    Für mich stellt die von dir beschriebene Überheblichkeit einzelner JournalistInnen pure Angstbeißerei dar. Alleine die Aussage mit der „Presseaussendung“ ist bezeichnend für die Arroganz, die ihnen leicht zum Stolperstein werden kann.
    Sollen sie „uns“ doch so behandeln. Wenn sie so dumm sind sich selber als Copy + Paste Blatt zu demaskieren, sind sie selber Schuld und schaden sich letzten Endes nur selber.

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  7. Pingback: Interview: Mia und Stefan haben den Fashion Blogger Day konzipiert. | Tschilp

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