Wer will Paul Poiret?

Paul Poiret

Paul Poiret ist zu haben. Wie Vanessa Friedmann (New York Times/On the Runway) kürzlich berichtete, wird die Marke im November versteigert. Potente Unternehmen, die den schillernden Namen aus der Zeit der Pariser Belle Epoque für sich nutzen wollen, können sich über die Website paulpoiret.com nach Unterzeichnung eines Non Disclosure Agreements bewerben, um im November an einer Online Versteigerung teilnehmen. Es geht um nichts Geringeres als die internationalen Markenrechte am Namen Paul Poiret inklusive Domainnamen und nicht näher definierter archivalischer Materialien.

In einer Branche, die vom Image alleine lebt, ein interessantes Angebot mit Potenzial. Denn in der Kurzbeschreibung des Markenkerns finden sich auch vielversprechende Attribute:

  • Innovation – Poiret wird die Befreiung der Frauen vom Korsett zugeschrieben. Dass die Korsage allerdings, wenn auch wesentlich lockerer, weiterhin unter den fließenden, schmalen Roben getagen wurde, steht auf einem anderen Blatt. Und die langen und zu den Füßen hin sehr engen Röcke, auch “Humpelröcke” genannt, schränkten die Bewegungsfreiheit erheblich ein – Trippeln statt Gehen war hier das Motto.
  • Tradition – Poiret ist ein echter Oldtimer. Als einer der einflußreichsten französischen Couturiers der ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beziehen sich Modeschaffende bis heute auf seine Entwürfe: Der Turban als Must-Have, kräftige Farben, ein dramatischer Mix aus verschiedenen orientalische Linien und Versatzstücken bis hin zu damals absolut unüblichen Pluderhosen bilden eine starken Kontast zur zeitgenössischen Haute Couture etwa des Hauses Worth (für das er auch selbst gearbeitet hatte), die sich durch eine vergleichsweise dezente Farbigkeit und stilistische Verbundenheit zum 18. Jahrhundert auszeichnete.
  • Kunst – Poiret arbeitete eng mit der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit zusammen und ließ sich von Tanz, Theater und bildender Kunst inspirieren.
  • Marketing –  Poiret gilt als Werbegenie, reiste mit neun oder zwölf (je nach Quelle) Models pressewirksam durch die Welt, produzierte Booklets mit seinen Kollektionen, die er per Direktmailing an die relevanten Herrschaftshäuser der damaligen Welt verschickte, entwickelte das erste Designer-Parfum und verausgabte sich schlussendlich finanziell, indem er sagenhafte Events – etwa die Tausendundzweite Nacht – für seine KundInnen und Fans veranstaltete.
    Elsa Schiaparelli – übrigens auch ein Brand der gerade zu neuem Leben erweckt wird – bezahlte angeblich sein Begräbnis.

Ich bin gespannt, wie sich der Name verkaufen wird, wer investiert und was dabei herauskommt. Und wer als  Creative Director die stressige Aufgabe übernehmen wird, das Erbe in kreativer, interessanter und gut vermarktbarer Weise in einen aktuellen Kontext zu setzen.

Bild: Die Mannequins kommen aus einem Modehaus. 1913,
Aquarell von F. Fabiano.
Aus: Latour, Anny: Magier der Mode, 1956

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