Was war 2009? Gerlinde Lang über das Modejahr 2009

Nach Stephan Hilpold und Anne Feldkamp erzählt uns Gerlinde Lang von FM4 was ihr zum Modejahr 2009 so einfällt.

Wenn du das Jahr 2009 Revue passieren lässt: Was waren für dich die zwei oder drei spannendsten Entwicklungen in Sachen Mode?

Lady Gaga. Ihre Zusammenarbeit mit dem Stylisten Nicola Formichetti, dokumentiert auf dessen Blog, und wie sie einen norwegischen Journalisten abserviert:

„Your pokerface video has a strong sexual undertone. Are you scared of sexual references undermining your music?“ – „I’m not scared. Are you scared?“


Die „dicken“ Models in den sexy Kleidern von Mark Fast und der „ohne Models“-Versuch der Brigitte, der allerdings in den Normgrößen stecken bleibt. Zwei schwarze Frauen auf dem Cover der erz-weißen amerikanischen Glamour: Frau Obama und Rihanna. Das umstrittene Vienna Fashion Observatory. Fabrics Interseason in Hetzendorf.

Worauf hättest du lieber verzichtet?

Auf das Melanom auf meiner rechten Schulter inklusive mega Narbe und Umdenken in Sachen Rückendekollete. Und auf den online georderten superleiwanden Overkneestiefel von Topshop, bei dem mir weder Größe 39, 40 noch 41 passen.

Aber wie gerne sehe ich es, dass solcherlei Stiefel, von mir seit Jahren getragen, zu größerer Akzeptanz kommen. Auf dass ich nie wieder von Kollegin Riem Higazi hören muss, sie habe da so rote Lackheels in einer Auslage gesehen und dabei an mich gedacht … „just that cool Gerlinde style, a la friendly hooker. I wish I could pull it off.“

Ansonsten verzichte ich wie jedes Jahr auf Trenchcoat, Jeansjacke und Lederjacke. Wardrobe staples go home! Und Nieten, ihr könnt euch auch endlich schleichen. Huch, ich glaube, ich habe die nächste Frage beantwortet.

Dein persönliches Lieblingsstück 2009?

Stiefel und Shorts. Oranger Batikschal. Geisha-Verwandlung und Kimono aus Kyoto. Sonnencreme aus Australien: leichte Textur, Faktor 50, Ein-Liter-Familienkanister mit Pumpspender. „Alles neu“ von Peter Fox. „You’ve got the love“ im XX rework. La Roux‘ „in for the kill“ bis auf die Knochen entkleidet in Skreams Lets get ravey Mix.

Das Kompliment für mein Kleid von Susie Bubble, die Street Fashion Photography Einschulung mit Mary Scherpe und der Dachboden voller Strickwolle mit Sophie Skach.
5 Wagenladungen Kleider, Schuhe, Möbel und Kram ausmustern. Das „Haus der Geschichten“ am Linzer Pfarrplatz.

Was wird 2010 wichtig werden, dein Tipp?

Der Niedergang der Niete und der Aufstieg der Perle.
Ah ja, und ich brauche Tipps, wo ich mir eine coole neue Brille kaufen kann, meine alte fällt auseinander. In der Neubaugasse war ich schon und beim Fielmann auch.

Vielen Dank für das Interview!

Was war 2009? Anne Blica Feldkamp über das Modejahr 2009

Weiter geht’s in Sachen Jahresrückblick. Diesmal teilt Anne Feldkamp mit uns ihre Gedanken zum Modejahr 2009. Anne ist Kunsthistorikerin, schreibt für Austrian Fashio Net und bloggt unter blicablica.blogspot.com.

Das Modejahr 2009?

International fällt mir da vor allem Designerkooperationswahnsinn ein, der uns allen jetzt vermeintliche Designerteile in den Kleiderschrank zaubert. Allen voran die in diesem Zusammenhang symptomatischen H&M-Kooperationen:

Während in den Jahren zuvor beim Schweden durchschnittlich eine Zusammenarbeit realisiert wurde, ging man 2009 in die vollen: im Frühjahr Matthew Williamson, zum Jahresende hin Jimmy Choo und Rykiel. Da stellt sich dann schon fast die Frage: Wohin mit dem ganzen Designerscheiß?

An der medialen Multiplizierung und damit der Wahrnahme eben dieser Kooperationen nicht ganz unschuldig: die Modeblogs, die 2009 inflationär aus dem Boden geschossen sind. Deren MacherInnen rücken zunehmend ins Rampenlicht – begleitet von den damit verbundenen Diskussionen um Positionierung und Rolle von Fashionblogs.

Wien ist jetzt neben einem Modefestival und einem Modepalast um eine Fashionweek reicher, kommt aufgrund relativer Überschaubarkeit aus meiner Außenperspektive dennoch einem Minenfeld nahe, wo hinter den Kulissen gerne mal die Messer gewetzt werden.

Worauf hättest Du gerne verzichtet?

Auf die Wahrnahme von Modeblogs vor allem als billige Werbefläche und BloggerInnen als deren willfährige HandlangerInnen.

Dein persönliches Lieblingsstück 2009?

Modische Designerlieblingsstücke gibt`s, die lassen sich allerdings leider nicht so wirklich mit meinem Budget vereinbaren. Deshalb setze ich alternativ immer wieder gerne auf Wiens Pfarrflohmärkte.

Was wird 2010 wichtig werden, dein Tipp?

Allen Unkenrufen zum Trotz die Modeblogs natürlich! Denn die bieten trotz durchaus auch berechtigter Kritik immerhin eine Stimmenvielfalt, die es sich nach wie vor zu verfolgen lohnt.

Danke fürs Interview!

Anne Feldkamp, skizziert von Anne Feldkamp

Was war 2009? Stephan Hilpold zum Jahreswechsel

Ging doch wiedermal schnell mit Weihnachten. Schon naht das Neue Jahr. Aus diesem Grund hab ich einige kompetente Menschen aus der Wiener Modewelt eingeladen, ein bisschen Resümee zu ziehen. Stephan Hilpold (Der Standard) macht den Anfang.

Wenn du das Jahr 2009 Revue passieren lässt: Was waren für dich die zwei oder drei spannendsten Entwicklungen in Sachen Mode international? Und in Österreich?

International: Das Engagement von Jil Sander beim japanischen Kleiderriesen Uniqlo. Stellt die Hierarchie des Modesystems auf den Kopf und könnte eine ähnliche Entwicklung einläuten wie die „Erfindung“ des Pret-a-porters in den 60ern durch YSL.

Und: Das Erstarken der Modeblogs, die zu einer ernstzunehmenden Kraft im Business geworden sind. Das ist vor allem auch in Österreich zu sehen. Ernst zunehmende Modepublizistik ist hier dünn gesät, die Blogs und Internetforen sind eine echte Bereicherung

Worauf hättest du lieber verzichtet?

Auf diverse Schaumschlägereien in der Wiener Modeszene. Nur die eigenen Gärtlein zu kultivieren bringt nix, die Zeit ist reif für größere Entwürfe. Und auf La Hong als Hofer– und Lindsay Lohan als Ungaro-Designer.

Dein persönliches Lieblingsstück 2009?

Mein Topman-Navy-Blazer, den ich blöderweise im Hotel in New York vergessen habe und der seit September im amerikanischen Zoll hängt. Habe ihn im Internet nachgeordert, aber die Ärmel waren zu kurz. Uff. Und meine neuen Parola-Lämpchen von Piero Castiglioni und Gae Aulenti aus dem Jahr 1980.

Was wird 2010 wichtig werden, dein Tipp?

Social-Responsability-Fragen; der E-Commerce, die Blogs, Life-Streaming von Modeschauen, Green Fashion, die Modestadt Berlin und mit ein bisschen Glück vielleicht auch die Vienna Fashion Week. Mal sehen.

Herzlichen Dank!


Stephan Hilpold fotografiert von Irina Gavrich