Bügle mich!

Wien und seine Schaufenster! Da ist leider abgesehen von wenigen Ausnahmen jede Menge Platz für Verbesserungen. Blogs wie Modelizing zeigen schön, was eigentlich möglich wäre.

Nun lebe ich ja schon eine ganze Weile hier, bin das also gewöhnt und will gar nicht großartig von Einfallsreichtum, spannenden Arrangements, gut gesetzter Beleuchtung reden, es hapert ja schon oft am Banalsten, nämlich dem Willen zur Gestaltung an sich.

Was ich dann noch richtig lieblos finde: Wenn man schon auf jede gestalterische Auseinandersetzung pfeift, hätte es sich dann ein ganz gutes Kleid wie dieses nicht wenigstens verdient, gebügelt zu werden?

Ist ja nicht irgendein Fetzen, sondern immerhin Ferragamo. Kostenpunkt: 1320 Euro.  Apropos: Wer designed da jetzt eigentlich aktuell?

Kohlmarkt Windows: Chanel, Louis Vuitton

Vielsagend finde ich immer wieder den Vergleich mit Schaufenstern in anderen Städten. Sucht mal bei Modelizing nach Chanel und Vuitton! Chanel in Soho treibt’s natürlich ein bisschen gewagter, und Loius Vuitton zieht das Erscheinungsbild wohl total durch. Globaler Look & Fell par excellence.

Am Kohlmarkt herbstelt es schon

Mittagstermine in der Innenstadt sind etwas Feines. Besonders, wenn der Weg am Kohlmarkt vorbeiführt und die ersten Herbstauslagen geprüft werden können.

Wie immer glänzt man hier in kostbarer Lage durch Zurückhaltung beim Einkauf – auf keinen Fall zu wild bitteschön!

Chanel, Kohlmarkt, 1010 Wien

Bei Chanel umrahmen zahlreiche, riesige weiße Kamelien die eher sportlich – soweit halt Highheels als sportlich gelten können – kombinierten Tweedjäckchen.

Viele Accessoires, Cash-Cow der Modekonzerne, sind zu sehen. Schwarz, Weiß, Kamelien und Bubikopf verweisen auf die Wurzeln des Hauses.

Gucci, WienGucci, 1010 Wien, Kohlmarkt

Gucci scheint irgendwie noch immer nach einer passenden Identität zu suchen. Sicherheitshalber beschränkt man sich auch hier auf Nichtfarben in der Auslage.

Gil Couture, Wien, KohlmarktBalmain bei Gil Couture

Gil Couture führt neuerdings Balmain, und hier findet sich immerhin ein Teil mit den prägnanten Schultern im Schaufenster. Schon wieder keine Farbe, spricht man sich hier ab?

Mir wäre ja die Husarenjacke lieber gewesen, aber so ein Stück um knapp 4000 Euro muss sich ja erstmal verkaufen. Ich meine 3998 klingt doch aber wirklich sehr nach, nun ja ihr wisst schon…

Window-Shopping: Alles beim Alten am Kohlmarkt

Montag. Erster Tag der Arbeitswoche. Am Mittagstisch reden die Kolleginnen über ihre Fitnessaktivitäten. 1 Monat nichts tun, und man muesse bei allem wieder ganz von vorne anfangen, sagen sie. Mein schlechtes Gewissen klopft an. Ich hab allerdings genug zu tun, das lauter ist, und der Abend ist lau. Das Kontrastprogramm zum schnöden Arbeitswochenbeginntag schaut so aus: Einen guten Grund haben, um in die Innenstadt zu müssen – hier bietet sich der leere Kühlschrank an – kombiniert mit Gehen.

Harmonisch vereinen läßt sich beides am Graben (guter Käse und einige andere Kleinigkeiten von Meinl, Obstabteilung meiden!) und am Kohlmarkt. Der Rundgang mit dem wie immer zu schwer gewordenen Meinl-Sackerl in der einen und der fast gleichgewichtigen Bürotasche in der anderen Hand ist eh schon ein richtiges Fitnesstraining finde ich. Und das ist mir so nebenbei noch aufgefallen:

Lack in der Samstagbeilage der Tageszeitung Kurier

Braver Einsatz von schwarzem Lack bei Armani Wien Überdimensionale Lack-Kamelien in der Chanel Auslage Wien Nochmal die Chanel-Kamelie mit Stepplederstiefeln

Die „Lust auf Lack“ ist sogar dem Kurier nicht verborgen geblieben, und bei Armani gibt’s eine recht brave Variante in der Auslage. Erinnert ein bisschen an die kleinen, schwarzen Dolce & Gabbana Kostümchen der letzten Kollektion. Chanel nebenan klotzt, und zwar mit der Auslagendeko. Riesige schwarze, lackglänzende Kamelien, die Lieblingsblumen von Coco Chanel, spielen erfolgreich Eyecatcher für Gewand, das leider sehr weit weg von den Signature-Teilen der aktuellen Kollektion ist.


Visavis beeindruckt Akris wie stets durch reduzierte und gleichzeitig absolut luxuriöse Eleganz ebenfalls in Schwarz. Hier kommt erstmals auf dem Weg Pelz ins Spiel. Der haarige Rock kostet etwas über € 3000.

Das aktuelle Akris Schaufenster am Kohlmarkt Der einstige “Billigpelz? Opossum in der Gucci Version for men Oma Styling bei Gucci Wien

Ein moderater Preis verglichen mit der groben Opossum-Jacke um € 5890 im 70er-Jahre-Stil bei Gucci. Achja, ich pflege übrigens ständig die Straßenseite zu wechseln, das ist u.a. einer der Gründe, weshalb mein Geliebter da nicht mit will, aber ich schweife ab. Ich frage mich, ob die Opossum-Jagd nun wieder gestattet ist. Aber abgesehen davon, ist das ja wenigstens optisch ein cooles Teil im Vergleich zur Damenauslage, wo ein Oma-Nerz-Schal kombiniert mit Oma-Raubtierprint-Pelz zu sehen sind. Das, wovon Gucci lebt, steht ohnehin daneben: Taschen und Schuhe.

Nachtauslage von Bulgari am Kohlmarkt

Die Schmuckmarke Bulgari auf der anderen Seite der Fußgängerzone investiert offensichtlich ebenfalls ins Accessoires-Business. Die Taschen machen sich als Nachtauslage nicht schlecht, aber Bulgari-Taschen? Ich weiss nicht, das klingt irgendwie nicht richtig. Die interessantesten Lack-Accessoires sind eindeutig die mit Farbverlauf. Und sie kommen am besten von Prada, wenn auch bei Chegini nicht unbedingt die spannensten Modelle zu finden sind.

Pradas einfache Lack-Version bei Chegini

Das Resümee? Die Läden am Kohlmarkt trauten sich noch nie über innovative Mode. So gesehen ist also alles wie gewohnt. Das Publikum, das zum Edelshopping in diese Gegend kommt, will’s vielleicht auch einfach so. Oder doch nicht?