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Jean tschilpt

Stil Postille #7

21. Januar 2007 12:32, by Jean

Harmonie und Elegance gründen auf Proportion und Form. Ein störendes Element genügt und das perfekte Ganze ist zerstört. Aber es braucht auch Regelbrüche, um das Schöne aufblühen zu lassen, denn die totale Symmetrie ist leblos und verstörend. Das lässt sich leicht mit dem betörenden Schönheitsfleck oder dem asymmetrischen Krawattenknoten verdeutlichen. Also bitte, einen lässigen, entspannten Four in hand, wenn es denn sein muss doppelt (wem das nicht gelingen will, gerne mich fragen) und nicht den verklemmten, nicht zu Unrecht in Deutschland so beliebten Windsor, womöglich mit hilfloser, instabiler Falte a´la Richard Selzer (Blackwell)!

Zurück zur Proportion. Man kann sagen, sie hat auch etwas mit Längen zu tun, jenseits aktueller Trends. Also, zuerst der Ärmel, ganz simpel (jetzt rede ich schon wie Jamie Oliver): am längsten ist der des Mantels, dann der des Hemds und dann der Jackenärmel und zwar in knappen Zentimeterschritten. Mantelarm nahe zum Daumenwurzelknochen, Sakkoarm zum Handansatz und der Hemdarm dazwischen - wie gesagt, maximal Zentimeterschritte. Und bitte, das Sakko - ideal mit Doppelschlitz - wippt nicht am Gesäß, es reicht deutlich darüber. Und nein, es ist nicht so easy wie Jamie meint, das belegen seine pubertären Rezepte und speziell der coole Knoten, aber es übt mit Euch, Euer Jean.

Jean tschilpt

Stil Postille #6

13. Januar 2007 08:52, by Jean

frack

Man kann der Meinung sein, dass sich kaum noch würdige Anlässe jenseits von Trauung und Nobelpreisverleihung finden, zu denen es lohnt, sich mit Genuss und Contenance (die braucht man als Perfektionist) in einen Frack zu schalen. Die so genannte, freilich selbst ernannte, gehobene Gesellschaft hat Bälle und Redouten höchsten Niveaus mit medialer Effizienz gekapert und sie zu allem möglichen, nur nicht einer stil- und glanzvollen Nacht gemörtelt.

Der Bussi-Bussi-Klüngel hat in der Wahl der „Events“ seiner Vandaleneinfälle fraglos Geschmack – gleichfalls der, welcher sie hinfort meidet. Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich habe nichts und wieder nichts gegen pfirsichweiche, duftende Damenwangen, aber die reservierte Kühle oder Ernsthaftigkeit des Anlasses, die Stresemann, Cut und Frack ausstrahlen, findet man im zeitgenössischen Angebot nur höchst selten.

ascot

Der Große Gesellschaftsanzug also wird ausschließlich zur Abendgesellschaft angelegt – der Cut(away) in grau auch bei Regen und Sonnenschein zu den wichtigsten Entscheidungen des Männerlebens oder, wie banal, zu Pferderennen (für die jedoch ebenfalls oben Gesagtes gilt). Ersterer ist schwarz, punktum, endet am Rücken im Schwalbenschwanz und an den Hosenenden nie in einem Aufschlag. Zwei Galonborten entlang der Beinkleider, mehr nur an denen von Uniformmodifikationen der Militärdiplomatie und weißes Piqué an Gilet (bitte kein Kummerbund, so wir nicht Philharmoniker oder Südstaatler sind) Hemd, Manschetten, Masche und Plastron verwendet, runden das Ensemble ab. Um Peinlichkeiten vermeintlicher Herrenschneider und Designer nicht ausbaden zu müssen, nie Metallknöpfe, gerundete Revers, schwarze oder bunte Maschen, Gürtelspangen, gemusterte Hosenträger oder Schuhbänder. Der Vatermörder ist obligé, ebenso Zurückhaltung im Schmuck. Zu empfehlen ist die Taschenuhr, ein Erbstück, das Safeluft atmet und kaum noch das funkelnde Abendlicht erblickt.

Lackpumps, darunter Kniestrümpfe, Seide – bei extra dünner Wade empfiehlt sich ein Paar Sockenhalter – schwarz, schwarz, schwarz, weißer Seidenschal und die gern zitierten, aber in Wahrheit fast ausgestorbenen Glaceehandschuhe – wir sind komplett. Kompliment entbietet Jean dem, der sich in dieser Rüstung mit Elegance und ganz ohne antiquierte Steifheit zu bewegen vermag.

zylinder.jpg
Ach ja, pardon Juppi, wir sind nicht 100, drum habe ich den Chapeau claque vergessen! Und die Leistung operettenseeliger Kriegsgewinnler, ihn in´s Bordell – niedlich gelogen Maxim – gebracht zu haben, die erkenne ich nicht. Dergleichen Intimitäten verbieten sich dem Gentleman, sei es mit den Damen oder mit den Diktatoren.

Jean tschilpt

Stil-Postille#5

26. Dezember 2006 20:16, by Jean

Angeblich gibt es so manche Indizien, an denen man im Laissez-faire der Beliebigkeiten einen Gentleman erkennt oder wie Sir Michael Caine tiefsinnig formulierte: Ein Gentleman ist, wer Akkordeon spielen kann, es aber nicht tut. Wir verstehen, die Qualität liegt, man kann es nicht oft genug betonen, in der Reduktion, im Verzicht.

Der glitzernden Saison entsprechend nun Marginales zur feierlichen Abendkleidung des kultivierten Herrn. Never brown after six versteht sich zu jeder Jahreszeit für formelle Umstände von selbst! Ansonsten empfiehlt sich der kleine Gesellschaftsanzug, denn er passt fast immer, geht es um Unterhaltung und Damenbegleitung. (Der Frack, in seiner Anwendung weit diffiziler und ernster, folgt demnächst.) So wir uns nicht im fortgeschrittenen, noch guten, aber nicht mehr besten Alter befinden, tragen wir den Smoking einreihig mit gleichfarbigem Kummerbund, streng genommen empfehle ich schwarz (unter Protest dunkelblau), denn so stören wir nie die Farbwahl der Dame. Und wir tragen zum Tanz – ausgenommen an der frischen Luft – kein (weißes oder noch peinlicher Tartan) Dinnerjacket, wir sind ja keine Matrosen oder Cafésiederballbesucher. Bei unkaschierbarer Molligkeit ist die zweireihige Jacke gern mit Gilet angebracht, in jedem Fall ein Smokinghemd, weiß mit Doppelmanschette, dazu vierteiliges Knöpfset, verdeckter Knopfleiste (ansonsten Knöpfe im Stil der Manschettenknöpfe) und Plissee an der Brust und selbstredend keine Rüschen. Ein Stehkragen kann vermieden werden, ist unbequem und tendiert zu den Stilmitteln des Fracks. Die Hosen haben einen (! beim Cut zwei Streifen) nicht übertrieben breiten Galon.

Die Knöpfe – drei oder zwei an der Jacke, gerade am Ärmel – sind stoffbezogen und die Masche ist aus Seide, schwarz (dunkelblau), nie und nimmer weiß wie zum Frack und mir zuliebe nicht bunt, womöglich noch mit naiv passendem Pochette. Wenn schon Stecktuch, dann weiß, gefaltet und nicht drapiert und nein, wir trocknen uns nicht die verschwitzte Stirn damit. Ein Gentleman ist kein Walross und hopst nicht über seine konditionellen Verhältnisse, speziell nicht in Damenbegleitung. Dazu und deswegen wähle man bequeme Slipper, meinetwegen auch in Lack, allerdings wollen wir dann kein Klagen über schmerzende Tanzbeine hören…
Drüber empfiehlt sich in unseren Breiten ein sachlicher, nicht zu leichter Trench und ein ordentlicher Shawl, denn Bälle verlässt man meist erhitzt und angenehm erregt. So wir also die Dame der Saison oder gar unseres Lebens gewählt haben, erinnern wir uns, der Herr befindet sich immer an ihrer linken Seite, wo sonst wollen wir sein, wenn nicht am Herzen der Angebeteten. Eine prima Saison (Buchtipp) wünscht Euer Jean.

P.S.: Zur idealen Orientierung:
black tie
a) indoor, b) outdoor: Perfekt, bis auf den bordeaux-roten Kummerbund, aber den hatte ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, in den 80ern auch…
P.P.S.: ad SP4: „Münzbörse“ = (irreführend) Gigerl in Wien.

Jean tschilpt

Stil-Postille#4

5. Dezember 2006 22:35, by Jean

Angeblich bewegt das Geld die Welt, dreht sich alles nur um mamona und die Illusion das zu sein, was man besitzt – ein so fataler, wie vulgärer Irrtum. Stil kann man nicht kaufen, den muss man mit wachen Sinnen erlernen und weiterreichen. Über Geld spricht man nicht, man hat es oder nicht, egal, man zeigt es nicht. Also, wie signalisiert ein Gentleman, dass ihm Geld nichts bedeutet? Er trägt die Brieftasche nie auf dem Herzen. Der gute Schneider gibt uns da einen Wink mit dem Knopf: nur die rechte Brusttasche des Sakkos hat einen solchen, der den Zaster schützt, nie die linke.
Auch spart der Mann von Welt an Putz und Kinkerlitzchen. Kein keckes Stecktuch, schon gar nicht im selben Muster wie die Krawatte! Keine Kragenspange, kein Krawattenhalter, bitte, und keine protzigen Manschettenknöpfe. Letztere sollten nie größer sein, als der Nagel des kleinen Fingers ihres Trägers. Keinesfalls verwenden wir diese putzigen Zwirnknoten in vielerlei verspielten Farben. Sie sind ein Knicker(Schnorrer-)indiz ersten Ranges, ähnlich der Münzbörse. Nur die Reversnadel ist erlaubt, so sie dezent ein Bekenntnis zeigt, für das man sich nicht zu genieren hat. Ich weiß, diese Hinweise kommen spät, doch manchmal zwingt einen das Leben eine schwarze Krawatte zu tragen. Die verbietet jeden Schmuck und macht Herz und Schreiben schwer, Euer Jean.

Michaela tschilpt

Fantastic Men

21. November 2006 23:44, by Michaela

helmut lang fantastic man

Dem Gentleman - nein, ich rede jetzt nicht einfach von Männern -, der ansonsten ja von unserem Connaisseur Jean versorgt wird, sei hiermit überbrückenderweise die Lektüre von Fantastic Man ans Herz gelegt. The Gentlemen’s Style Journal (so der Untertitel) präsentiert - nona - Männer mit Stil, erweist ihnen seine Reverenz.

Schon am Cover kündigt sich eine fast sensationelle Hommage an “Mr. Helmut Lang” an. Von niemand geringerem als Bruce Weber fotografiert dürfte das Interview zwar nicht ganz so viel hergegeben haben wie dem Autor für 4 lange Textseiten vielleicht lieb gewesen wäre, aber alleine es zu haben, ist ja irgendwie schon sehr cool.

Inhaltlich dichter liest sich das Porträt über einen, der antrat der englischen Schneiderkunst neues Leben einzuhauchen: Joe Casely-Hayford erzählt - selbstverständlich ganz bespoke gekleidet - darüber, wie er seinen Job in der Londoner Savile Row #1 bekommen hat. Spannend gesellt sich dazu dann das Kontrastprogramm in Form einer Jürgen-Teller-Fotostrecke über Männerslips und ziemlich reduziert aufs Wesentliche ein Artikel, der sich ausschließlich dem grauen Sweatshirt - “astonishingly simple” - widmet.

Ein vergleichbares Damenmoden-Magazin mit Sinn für’s Relevante und hochkompetenter Redaktion, flotten und intelligenten Texten, erstklassigen und witzigen Fotostrecken und einer satten Portion Selbstironie gepaart mit anspruchsvoller Ernsthaftigkeit würde ich mir wünschen. Und auf die nächste Stilpostille von Jean freu ich mich auch schon.

Fantastic Man ist z.B. über Lia Wolf zu beziehen.