Stil-Postille#4

Angeblich bewegt das Geld die Welt, dreht sich alles nur um mamona und die Illusion das zu sein, was man besitzt – ein so fataler, wie vulgärer Irrtum. Stil kann man nicht kaufen, den muss man mit wachen Sinnen erlernen und weiterreichen. Über Geld spricht man nicht, man hat es oder nicht, egal, man zeigt es nicht. Also, wie signalisiert ein Gentleman, dass ihm Geld nichts bedeutet? Er trägt die Brieftasche nie auf dem Herzen. Der gute Schneider gibt uns da einen Wink mit dem Knopf: nur die rechte Brusttasche des Sakkos hat einen solchen, der den Zaster schützt, nie die linke.
Auch spart der Mann von Welt an Putz und Kinkerlitzchen. Kein keckes Stecktuch, schon gar nicht im selben Muster wie die Krawatte! Keine Kragenspange, kein Krawattenhalter, bitte, und keine protzigen Manschettenknöpfe. Letztere sollten nie größer sein, als der Nagel des kleinen Fingers ihres Trägers. Keinesfalls verwenden wir diese putzigen Zwirnknoten in vielerlei verspielten Farben. Sie sind ein Knicker(Schnorrer-)indiz ersten Ranges, ähnlich der Münzbörse. Nur die Reversnadel ist erlaubt, so sie dezent ein Bekenntnis zeigt, für das man sich nicht zu genieren hat. Ich weiß, diese Hinweise kommen spät, doch manchmal zwingt einen das Leben eine schwarze Krawatte zu tragen. Die verbietet jeden Schmuck und macht Herz und Schreiben schwer, Euer Jean.

Stil-Postille#3

Angeblich soll die Frisur das Gesicht betonen, es zur Geltung bringen und nicht umgekehrt. Also, in aller Kürze, keine skurilen Haarkreationen a´la der kommende, gesichert überparteiliche Winnetou-Darsteller von Bad Segeberg.© Jean

Nun das eigentliche Thema: Krawattenknoten, analog der Haartracht, sollten nicht größer sein als der darüber (bei ersterem hoffentlich darunter) angesiedelte Kopf (Ausnahme Clowns, welche man u.a. daran erkennt), nein, auch nicht im zugigen Karantanien. Der Schlips reicht an die Gürtelschnalle beziehungsweise den Hosenbund, nicht ans Ende des Brustbeins, nicht über den Hosenlatz hinab. Die Frage nach den Selbstbindern – gilt auch für die Masche und die Shawlkrawatte – habe ich überhört, wir wollen ja nicht unfreiwillig in einen Amerikanischen Collegefilm geraten! Entgegen der von dortigen, selbsternannten Stilpäpsten geäußerter Meinung, ist die kleine Falte kein Indiz binderischer Könnerschaft. Generell verbieten sich verklemmt symmetrische Knopfformen, contraire mildert die Krawatte allzu große Ebenmäßigkeit, ähnlich dem nur selten zu verwendenden und eher für Fortgeschrittene geeigneten Stecktuch.

Die englische, mehrheitlich auch die kontinentale Clubkrawatte ist vom Betrachter aus gesehen von rechts oben nach links unten dezent (kein Clownfish-Design) gestreift und möglicherweise mit Clubemblemen versehen. Bei den amerikanischen Modellen – surprise – verhält es sich umgekehrt. Alle Muster transportieren die Stilkompetenz des Trägers, punctum.

So, geschätzter P: Die Beatles waren und sind, entgegen hartnäckig stabilen Gerüchten (meist von Tauben, aber bedauerlicherweise nicht Stummen transportiert) in keinerlei Hinsicht stilistische Vorbilder: Nicht als Musiker (all das gab es schon bei dem von der Vogelweide und spannender bei ihren Zitgenossen), nicht als Dress- und Role Model, nicht als Pfarrer oder sonstig Spiritualisierte, nicht als Japanentdecker, nicht als Ehemänner usw.
Verehrte Eva, Regeln ersparen, so sie verinnerlicht sind, auch dem Gentleman (um „Männer“ geht es hier dezidiert nicht) ablenkendes Denken – er kann sich ungestört den Damen zuwenden, compri ;-)

Stil-Postille#2

Angeblich garantiert eine Marke Qualität und Exklusivität der unter ihr vertriebenen Produkte, wie gesagt angeblich und das erwähne ich auch nur, weil ich mich hier, nach reiflicher Recherche, dazu äußern werde – nur so viel, Gentleman oder auch nur elegant ist keiner, der maximal viele Logos überteuerter Marken auf seiner faden Hülle zu vereinen trachtet…

Nun aber eine Information, die zu logischem Denken Begabte nicht weiter verblüffen wird: Sakkoknöpfe bleiben sinnvoller weise teilweise außerhalb der – wenn geht handgenähten – Knopflöcher. Gut, aber welche? Beginnen wir in einer noch nicht erneut heraufdämmernden Vergangenheit. Ein- und Zweiknopfsakkos, nostalgisch, aber weit weg vom brauchbaren Alltag haben eine simple Regel: Alle offen und nur der oberste zu. Das Dreiknopfsakko hingegen regelt sich kategorisch und streng: ganz offen, speziell wenn der leichte Zwirn im Frühjahr zwickt, wenn nicht (schluck!) nur der mittlere zu, nein nicht der obere auch, wir sind ja nicht TV-Moderator oder ansteigendes Management mit grob gesteppten Rechteckslatschen (sic! die hasse ich wirklich). Jacken mit mehr als drei Knöpfen an der Front verbieten sich – jenseits des Militärs zumindest.

An den Ärmeln kann, so man unnötig deutlich trompeten will: „habe einen Maßanzug!“, der vorderste Knopf offen bleiben – das hilft zudem dem Hemdärmel über die mollige Sportuhr in´s Freie. Und, weil schon angekündigt: Ein Anzug (Jacke, Gilet und Hosen in einem Tuch) hat am Ärmel vier Knöpfe und keine an Taschenklappen (so man nicht als Herrenjäger einer anderen Epoche identifiziert werden möchte), ein Sportsakko zwei oder drei und über Blazer und ähnliche maritime, beziehungsweise kavalleristische Marotten und die zünftige Tracht reden wir ein andermal. Euer Jean.

Stil-Postille#1

Angeblich hat jeder eine Botschaft auch ohne Nation, eine Mission ohne Suppe (heißt heute Grundsicherung und ist laut Freizeitlederhosenständer böse) – manche haben sogar diverse Visionen, ganz ohne Illuminierung. Also habe ich auch eine, angeblich, sogar einige, die sich speziell an die letztgenannte, traurige Gruppe richten. Richtig anziehen, richtig kosmetisieren, richtig rasieren, nix Mach3 – n, keinen Schlips zum Ralphileiberl – denn bei den Markenhuldeleien seid ihr doch auch so konsequent, oder?

Also, warum ist die Kultur, trotz reichlichem Portemonnaie, so schlecht frisiert? Warum sind so viele Marginalien der Kultiviertheit so konsequent unter Hemden im Dessin wie Fini-Tant´s Geschirrtücheln versteckt, warum versuchen Karrieristen in rechteckigen Patinalatschen die Karriereleiter zu erklimmen, warum sind die Hosen, die Ärmel, die (Bart-) Haare zu lang – selten zu kurz, warum, wenn Mustermix, zum Trotz Linienmix! Nur weil´s blöd ausschaut oder weil’s eh keiner besser weiß?

Helfe ich euch halt, warum auch nicht, gibt ohnehin genug Quatschköpfe und stockunddreipunktblinde Stylingberaterinnen, da fällt man nicht auf? Also, fangen wir an: Z. B. wie viele Knöpfe hat ein Jackenärmel eines Anzugs, wie viele der eines Sportsakkos? Warum haben alle so seltsame Krawatten – Modell „Finding Nemo“ – zum Zwei- bis Dreiteiler umgebunden, wenn sie grad eben eine Wahl verlieren?

Also, Lektion 1: Keine Clubkrawatte zum Anzug (gilt auch für gehende und kommende Kanzler, gilt auch in Tirol, Niederösterreich und und und), nie, basta. Nein, weder eine Amerikanische noch eine Englische noch eine kontinentale. Wie man diese unterscheidet und anwendet, kommt – versprochen – und noch viel mehr, denn Richtigkeit (form follows funktion, aha!) ist die Basis guten Geschmacks, Regeln sind die Basis der Kunst und nicht Individualität, die nichts zu sagen hat, geschweige denn verstehen kann. Euer Jean