Stil Manifest#1

Marken habe ich bereits angesprochen, ungern und mit Groll. Die leidige Lektüre der Tagespresse beschert mir da heute eine suffisantes Déjà vu: Burberry und wie unsere Populares auf den Verlust beinahe familiär empfundener Produkte reagieren! Erlaubt mir, meiner mürben Laune nachgebend, folgende Positionen. Ich mag keine Marken, so sie nicht Tradition besitzen und Produkte hervorragender Qualität offerieren – ergo, ich schätzt fast keine Marken. Sie sind nie Indiz guten Geschmacks, sondern zeugen lediglich von naivem Qualitätsbewußtseins oder Prahlerei. Der übliche Handel mit Markenzeichen ist verwerflich, zieren sie doch in Folge meist Produkte, die sich kaum als Markenware titulieren sollten. Mein Bespiel: Bally und die unter diesem Label vertriebenen Golfschuhe. Sie sind sehr ansehnlich, nicht ganz im Stream des antiquierten Golfergeschmacks, bequem und funktionieren. Aber halt, sie funktionieren leider nicht sehr lange. Drei solche Paare hat Euer, zugegeben nicht ganz lernfähiger, Jean besessen. Das erste: Innenfutter nach einem Monat an der Ferse durchgescheuert. Die Konsequenz, Rücknahme durch die süße Händlerin im Proshop. Das zweite: Halsnaht am Knöchel beidseitig nach einem Monat offen. Konsequenz, Umtausch, kann mich ja verständlich machen und die betroffenen Blicke der Verkäuferinnen deuten. Das Dritte, Sohle löst sich an der rechten Spitze (Belastungspunkt beim Golf) nach zwei Wochen und die Halsnaht… So, und jetzt war es vorbei mit der Kulanz (wir nehmen das Produkt eh nimmer in´s Sortiment, macht nur Probleme). Stark strapaziert war die Replik der Deutschen „Qualitätsproduzenten“! Nach 14 Tagen? Also, wer einen Sportschuh will, kauft einen solchen. Wer ein Markenprodukt will, vermeidet ein Lizenzprodukt. Letzteres erkennt man daran, dass es auf der Page des Markenhalters nicht auftaucht. Punktum, Euer Jean.

P.s. Ach ja, Michaela hat da auch ihre Erfahrungen: Reklamation teuflisch schicker Stiefel (ihre Meinung ;-)). Antwort: die haben sie aber auf der Straße getragen! Also, Michaela hat nicht sooo einen Job, bei dem man die Stiefel im Schlafzimmer trägt und ich gehe halt nicht mit Golfschuhen Zeitung holen.

P.p.s. Meinen extrem überteuerten, schlecht imprägnierten, langweiligen Trench – besser Bademantel, denn nass ist man darin garantiert, wie einst Rick zu Casablanca oder Bryan Ferry auf der Bühne, im März – werde ich trotzdem nicht verbrennen. Er hat noch historische Qualität (leider, meint Irene), hält seit 13 Jahren und tut´s noch mindestens ebenso lang.

Stil Postille #7/1

Aha, geschätzte Michaela, hat die Saison der Damensmokings – die verwenden gerne die klassische dunkle Krawatte – begonnen?

Also, ganz einfach, der Four in hand ist der coolste, weil einfachste und gesichert immer „schiefe“ Knoten, der die Symmetrie des Anzugs und des Hemds durchbricht.

Schau, ganz Jamie, und doppelt, wenn Du zweimal schlingst (bei flachen Kragenwinkel).

Funktioniert übrigens auch bei Halstüchern (aber da gibt es einen besseren, pardon, für Damen paradoxerweise schwierigen Knoten) und kleinen Shawls, ;-) Jean.

Stil Postille #7

Harmonie und Elegance gründen auf Proportion und Form. Ein störendes Element genügt und das perfekte Ganze ist zerstört. Aber es braucht auch Regelbrüche, um das Schöne aufblühen zu lassen, denn die totale Symmetrie ist leblos und verstörend. Das lässt sich leicht mit dem betörenden Schönheitsfleck oder dem asymmetrischen Krawattenknoten verdeutlichen. Also bitte, einen lässigen, entspannten Four in hand, wenn es denn sein muss doppelt (wem das nicht gelingen will, gerne mich fragen) und nicht den verklemmten, nicht zu Unrecht in Deutschland so beliebten Windsor, womöglich mit hilfloser, instabiler Falte a´la Richard Selzer (Blackwell)!

Zurück zur Proportion. Man kann sagen, sie hat auch etwas mit Längen zu tun, jenseits aktueller Trends. Also, zuerst der Ärmel, ganz simpel (jetzt rede ich schon wie Jamie Oliver): am längsten ist der des Mantels, dann der des Hemds und dann der Jackenärmel und zwar in knappen Zentimeterschritten. Mantelarm nahe zum Daumenwurzelknochen, Sakkoarm zum Handansatz und der Hemdarm dazwischen – wie gesagt, maximal Zentimeterschritte. Und bitte, das Sakko – ideal mit Doppelschlitz – wippt nicht am Gesäß, es reicht deutlich darüber. Und nein, es ist nicht so easy wie Jamie meint, das belegen seine pubertären Rezepte und speziell der coole Knoten, aber es übt mit Euch, Euer Jean.

Stil Postille #6

frack

Man kann der Meinung sein, dass sich kaum noch würdige Anlässe jenseits von Trauung und Nobelpreisverleihung finden, zu denen es lohnt, sich mit Genuss und Contenance (die braucht man als Perfektionist) in einen Frack zu schalen. Die so genannte, freilich selbst ernannte, gehobene Gesellschaft hat Bälle und Redouten höchsten Niveaus mit medialer Effizienz gekapert und sie zu allem möglichen, nur nicht einer stil- und glanzvollen Nacht gemörtelt.

Der Bussi-Bussi-Klüngel hat in der Wahl der „Events“ seiner Vandaleneinfälle fraglos Geschmack – gleichfalls der, welcher sie hinfort meidet. Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich habe nichts und wieder nichts gegen pfirsichweiche, duftende Damenwangen, aber die reservierte Kühle oder Ernsthaftigkeit des Anlasses, die Stresemann, Cut und Frack ausstrahlen, findet man im zeitgenössischen Angebot nur höchst selten.

ascot

Der Große Gesellschaftsanzug also wird ausschließlich zur Abendgesellschaft angelegt – der Cut(away) in grau auch bei Regen und Sonnenschein zu den wichtigsten Entscheidungen des Männerlebens oder, wie banal, zu Pferderennen (für die jedoch ebenfalls oben Gesagtes gilt). Ersterer ist schwarz, punktum, endet am Rücken im Schwalbenschwanz und an den Hosenenden nie in einem Aufschlag. Zwei Galonborten entlang der Beinkleider, mehr nur an denen von Uniformmodifikationen der Militärdiplomatie und weißes Piqué an Gilet (bitte kein Kummerbund, so wir nicht Philharmoniker oder Südstaatler sind) Hemd, Manschetten, Masche und Plastron verwendet, runden das Ensemble ab. Um Peinlichkeiten vermeintlicher Herrenschneider und Designer nicht ausbaden zu müssen, nie Metallknöpfe, gerundete Revers, schwarze oder bunte Maschen, Gürtelspangen, gemusterte Hosenträger oder Schuhbänder. Der Vatermörder ist obligé, ebenso Zurückhaltung im Schmuck. Zu empfehlen ist die Taschenuhr, ein Erbstück, das Safeluft atmet und kaum noch das funkelnde Abendlicht erblickt.

Lackpumps, darunter Kniestrümpfe, Seide – bei extra dünner Wade empfiehlt sich ein Paar Sockenhalter – schwarz, schwarz, schwarz, weißer Seidenschal und die gern zitierten, aber in Wahrheit fast ausgestorbenen Glaceehandschuhe – wir sind komplett. Kompliment entbietet Jean dem, der sich in dieser Rüstung mit Elegance und ganz ohne antiquierte Steifheit zu bewegen vermag.

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Ach ja, pardon Juppi, wir sind nicht 100, drum habe ich den Chapeau claque vergessen! Und die Leistung operettenseeliger Kriegsgewinnler, ihn in´s Bordell – niedlich gelogen Maxim – gebracht zu haben, die erkenne ich nicht. Dergleichen Intimitäten verbieten sich dem Gentleman, sei es mit den Damen oder mit den Diktatoren.

Stil-Postille#5

Angeblich gibt es so manche Indizien, an denen man im Laissez-faire der Beliebigkeiten einen Gentleman erkennt oder wie Sir Michael Caine tiefsinnig formulierte: Ein Gentleman ist, wer Akkordeon spielen kann, es aber nicht tut. Wir verstehen, die Qualität liegt, man kann es nicht oft genug betonen, in der Reduktion, im Verzicht.

Der glitzernden Saison entsprechend nun Marginales zur feierlichen Abendkleidung des kultivierten Herrn. Never brown after six versteht sich zu jeder Jahreszeit für formelle Umstände von selbst! Ansonsten empfiehlt sich der kleine Gesellschaftsanzug, denn er passt fast immer, geht es um Unterhaltung und Damenbegleitung. (Der Frack, in seiner Anwendung weit diffiziler und ernster, folgt demnächst.) So wir uns nicht im fortgeschrittenen, noch guten, aber nicht mehr besten Alter befinden, tragen wir den Smoking einreihig mit gleichfarbigem Kummerbund, streng genommen empfehle ich schwarz (unter Protest dunkelblau), denn so stören wir nie die Farbwahl der Dame. Und wir tragen zum Tanz – ausgenommen an der frischen Luft – kein (weißes oder noch peinlicher Tartan) Dinnerjacket, wir sind ja keine Matrosen oder Cafésiederballbesucher. Bei unkaschierbarer Molligkeit ist die zweireihige Jacke gern mit Gilet angebracht, in jedem Fall ein Smokinghemd, weiß mit Doppelmanschette, dazu vierteiliges Knöpfset, verdeckter Knopfleiste (ansonsten Knöpfe im Stil der Manschettenknöpfe) und Plissee an der Brust und selbstredend keine Rüschen. Ein Stehkragen kann vermieden werden, ist unbequem und tendiert zu den Stilmitteln des Fracks. Die Hosen haben einen (! beim Cut zwei Streifen) nicht übertrieben breiten Galon.

Die Knöpfe – drei oder zwei an der Jacke, gerade am Ärmel – sind stoffbezogen und die Masche ist aus Seide, schwarz (dunkelblau), nie und nimmer weiß wie zum Frack und mir zuliebe nicht bunt, womöglich noch mit naiv passendem Pochette. Wenn schon Stecktuch, dann weiß, gefaltet und nicht drapiert und nein, wir trocknen uns nicht die verschwitzte Stirn damit. Ein Gentleman ist kein Walross und hopst nicht über seine konditionellen Verhältnisse, speziell nicht in Damenbegleitung. Dazu und deswegen wähle man bequeme Slipper, meinetwegen auch in Lack, allerdings wollen wir dann kein Klagen über schmerzende Tanzbeine hören…
Drüber empfiehlt sich in unseren Breiten ein sachlicher, nicht zu leichter Trench und ein ordentlicher Shawl, denn Bälle verlässt man meist erhitzt und angenehm erregt. So wir also die Dame der Saison oder gar unseres Lebens gewählt haben, erinnern wir uns, der Herr befindet sich immer an ihrer linken Seite, wo sonst wollen wir sein, wenn nicht am Herzen der Angebeteten. Eine prima Saison (Buchtipp) wünscht Euer Jean.

P.S.: Zur idealen Orientierung:
black tie
a) indoor, b) outdoor: Perfekt, bis auf den bordeaux-roten Kummerbund, aber den hatte ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, in den 80ern auch…
P.P.S.: ad SP4: „Münzbörse“ = (irreführend) Gigerl in Wien.