Stil-Postille#5

Angeblich gibt es so manche Indizien, an denen man im Laissez-faire der Beliebigkeiten einen Gentleman erkennt oder wie Sir Michael Caine tiefsinnig formulierte: Ein Gentleman ist, wer Akkordeon spielen kann, es aber nicht tut. Wir verstehen, die Qualität liegt, man kann es nicht oft genug betonen, in der Reduktion, im Verzicht.

Der glitzernden Saison entsprechend nun Marginales zur feierlichen Abendkleidung des kultivierten Herrn. Never brown after six versteht sich zu jeder Jahreszeit für formelle Umstände von selbst! Ansonsten empfiehlt sich der kleine Gesellschaftsanzug, denn er passt fast immer, geht es um Unterhaltung und Damenbegleitung. (Der Frack, in seiner Anwendung weit diffiziler und ernster, folgt demnächst.) So wir uns nicht im fortgeschrittenen, noch guten, aber nicht mehr besten Alter befinden, tragen wir den Smoking einreihig mit gleichfarbigem Kummerbund, streng genommen empfehle ich schwarz (unter Protest dunkelblau), denn so stören wir nie die Farbwahl der Dame. Und wir tragen zum Tanz – ausgenommen an der frischen Luft – kein (weißes oder noch peinlicher Tartan) Dinnerjacket, wir sind ja keine Matrosen oder Cafésiederballbesucher. Bei unkaschierbarer Molligkeit ist die zweireihige Jacke gern mit Gilet angebracht, in jedem Fall ein Smokinghemd, weiß mit Doppelmanschette, dazu vierteiliges Knöpfset, verdeckter Knopfleiste (ansonsten Knöpfe im Stil der Manschettenknöpfe) und Plissee an der Brust und selbstredend keine Rüschen. Ein Stehkragen kann vermieden werden, ist unbequem und tendiert zu den Stilmitteln des Fracks. Die Hosen haben einen (! beim Cut zwei Streifen) nicht übertrieben breiten Galon.

Die Knöpfe – drei oder zwei an der Jacke, gerade am Ärmel – sind stoffbezogen und die Masche ist aus Seide, schwarz (dunkelblau), nie und nimmer weiß wie zum Frack und mir zuliebe nicht bunt, womöglich noch mit naiv passendem Pochette. Wenn schon Stecktuch, dann weiß, gefaltet und nicht drapiert und nein, wir trocknen uns nicht die verschwitzte Stirn damit. Ein Gentleman ist kein Walross und hopst nicht über seine konditionellen Verhältnisse, speziell nicht in Damenbegleitung. Dazu und deswegen wähle man bequeme Slipper, meinetwegen auch in Lack, allerdings wollen wir dann kein Klagen über schmerzende Tanzbeine hören…
Drüber empfiehlt sich in unseren Breiten ein sachlicher, nicht zu leichter Trench und ein ordentlicher Shawl, denn Bälle verlässt man meist erhitzt und angenehm erregt. So wir also die Dame der Saison oder gar unseres Lebens gewählt haben, erinnern wir uns, der Herr befindet sich immer an ihrer linken Seite, wo sonst wollen wir sein, wenn nicht am Herzen der Angebeteten. Eine prima Saison (Buchtipp) wünscht Euer Jean.

P.S.: Zur idealen Orientierung:
black tie
a) indoor, b) outdoor: Perfekt, bis auf den bordeaux-roten Kummerbund, aber den hatte ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, in den 80ern auch…
P.P.S.: ad SP4: „Münzbörse“ = (irreführend) Gigerl in Wien.

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